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Zuflucht vor der Lungenkrankheit – die Beelitz Heilstätten vor 100 Jahren

Beitragsbild Beelitzer Heilstätten Historisches Foto

[Werbung] Die Beelitz Heilstätten im Umland von Berlin waren mein letzter Kurztrip vor dem Coronavirus-Lockdown. Im Rückblick ein haarsträubender Zufall, denn Beelitz ist eine von einst 60 Heilstätten für Lungenkranke an der Schwelle des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Vor mehr als 100 Jahren grassierte an dem berühmten Lost Place bei Berlin ebenfalls eine verheerende Lungenkrankheit: die hoch-infektiöse Tuberkulose, gegen die kein Kraut gewachsen und kein Impfstoff erfunden war. Die Beelitz Heilstätten sind ein Ort mit eigenem Straßenschild an einer Durchgangsstraße. Sie gehören zum Bundesland Brandenburg. Berlin ist mit dem Auto in 45 Minuten zu erreichen.

Kann man die Beelitzer Heilstätten besichtigen? Hier geht es zu meinem FAQ für dich ⇟

Die historischen Gebäude stellen ein beliebtes Ausflugsziel dar. Die verlassenen Ruinen sind interessanter denn je, denn sie weisen zahlreiche Parallelen zwischen dem Corona-Ausbruch und der Welt vor hundert Jahren auf: Wer in der 200 Hektar großen Heilstätte untergebracht war, den hielt man dazu an, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Der Schlüssel zur Heilung, das war die frische Luft. Ähnlich dem Roman Zauberberg von Thomas Mann pflegte man in Beelitz die Luftliegekur und verbrachte den lieben langen Tag auf Lufthygieneliegen, auch bei minus 10 Grad. Brrr – ja wirklich.

Beelitz Heilstätten: Das Ausstellungsstück einer alten Liege.

Frische Luft und den ganzen Tag liegen: Ein anderes Mittel gegen die Tuberkulose war noch nicht gefunden.

6 bis 8 Stunden mit Wolldecke und Wärmflasche liegend, das Gesicht in Richtung Süden gewandt, da erscheint ein wenig Abwechslung durchaus willkommen und wenn es nur der Bettwäsche- und Kleidungswechsel ist. Wer den Zauberberg kennt – Weltliteratur gewordene Langeweile – der fühlt mit den Kranken und Kränklichen und gönnt ihnen Zerstreuung mit Wandelgang und Wandelhalle, Badehaus und Kegelbahn. Alles auf Kosten der Landesversicherungsanstalt, versteht sich.

Corona entstand während der vierten industriellen Revolution, als die Welt im digitalen Wandel immer schneller rotierte und die Menschen sich immer mehr um sich selbst drehten. Die Tuberkulose hatte ihre Wurzel in der ersten industriellen Revolution. Ihre Kennzeichen: Massenproduktion, Plattenbauten, Fließband und aufkommende Elektromobilität auch damals. Ein Patient mit noch infektiöser Tuberkulose wurde in den Beelitz Heilstätten nicht aufgenommen, wie auch: Die Lungenkrankheit hätte sich innerhalb der Häuser mit 1.200 Betten rasend schnell verbreitet.

Wer in den Heilstätten aufgenommen wurde, mit Zustimmung des Arbeitgebers, der konnte sich glücklich schätzen, denn auf dem Zauberberg von Berlin, da gab es keinen Mangel. Kalorienreiches Essen und auch mal ein kleiner Cognac – die Landesversicherungsanstalt ließ sich nicht lumpen. Nicht nur 2 Corona-Kilos, nein, 7 Kilo Zunahme waren das Ziel, welches mit 5 Mahlzeiten eifrig verfolgt wurde. Gelegentlich ein Eierbier – Bier, rohes Ei, Portwein, Prise Zucker – ließen unschwer erkennen, wohin die Reise ging: Wiedererlangung der Gesundheit, aber gern auch Arbeitsfähigkeit. Die Fabriken im nahen Berlin standen nicht still.

 Beelitz Heilstätten: Ein verlassener Tisch im Speisesaal

Wer in den Beelitz Heilstätten untergebracht war, sollte in der Kur 7 Kilo zunehmen.

Figurbewussten stand schon im 19. Jahrhundert ein Fitnessraum zur Verfügung. Oder man spazierte über das weitläufige Gelände, auf dem Männer und Frauen streng getrennt wurden und die in früheren Zeiten personell gut aufgestellten Pfleger:innen überwachten das mit Argusaugen. Männer und Frauen vermischen bringt Unruhe sagte man, doch wie immer werden Menschen kreativ, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Alte Briefe zeugen davon: „Ein Kurschatten war schwierig, aber nicht unmöglich“, hieß es darin. Ob die Verliebtheit nach einem Aufenthalt von 2 bis 6 Monaten anhielt oder man sich wieder trennte, ist nicht überliefert.

Der Ort war für eine Heilstätte gut gewählt, Wald klärte die Luft und die Abgase aus Berlin trieben mit der Windrichtung von West nach Ost gar nicht erst an den Beelitz Heilstätten vorbei. An eine vorhandene Güterbahnstrecke wurde ein Bahnhof gebaut. Das mit dem Zauberberg passt schon: Tatsächlich lagen die Gebäude auf hügeligem Gelände, in Norddeutschland gern gleich Alpen oder Schweiz genannt. In den Beelitzer Alpen findest du die verlassene Alte Chirurgie und das Alpenhaus und darfst darfst im Rahmen regelmäßiger Führungen Fotos der Gebäude der Beelitzer Heilstätten machen.

Spannender Fakt: Der Lost Place (engl. = verlassener Ort) wurde als sich selbst versorgende Stadt errichtet. Es gab eine Schweinezucht, Hühnerfarm, Gärtnerei und im Umland den heute noch beliebten Spargel von Beelitz, was will man mehr. Ein Heizhaus in Betrieb und Kraft-Wärme-Kopplung sorgten für die wohlige Gemütlichkeit, zumindest bis wieder Kneipp-Kur und Kaltwaschungen drohten. Mit kaltem Wasser abgespritzt genoss man später die Mahlzeiten umso mehr. Auf dem Speiseplan von 1908 standen Kohlrabi, Rindfleisch, Falscher Hase, grüne Bohnen und Hammelfleisch. Früher wie heute: Desinfektion war im Restaurant essenziell.

Alte Gardine weht im verlassenenBadesaal der Beelitzer Heilstätten.

Kneipp-Kur und Desinfektion: Der historische Waschsaal der Beelitz-Heilstätten bei Potsdam.

In allen vier historischen Quadranten ist der Investor dabei, die Heilstätten von Beelitz neu mit Leben zu füllen. Pläne für Erweiterungen betreffen den Dachstuhl der Chirurgie mit ehemaliger Caféteria. Tagesaktuelle Zeiten für öffentliche Führungen sind den Tafeln auf dem Gelände und der Internetseite zu entnehmen. Die Führung durch das Alpenhaus kann ich sehr empfehlen, sie war überaus spannend und unterhaltsam gestaltet.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem
Tourismusverband Fläming e.V. und dem
Baumkronenpfad Baum und Zeit.

Beelitz Heilstätten – Anfahrt

Verlassener Flur in den Beelitzer Heilstätten

Der faszinierende Lost Place Beelitz-Heilstätten mit dem Baumkronenpfad Baum & Zeit liegt außerhalb von Berlin.
Straße nach Fichtenwalde 13, 14547 Beelitz-Heilstätten, 033204/634723, info@baumundzeit.de

Die kürzeste Route zu dem ehemaligen Sanatorium und späteren Militärhospital führt über die A 115 rechts an Potsdam vorbei. Das Zentrum von Berlin ist genau 53,9 km und 46 Minuten bei üblicher Verkehrslage entfernt.

So gelangst du zu den Heilstätten mit Bus und Bahn

Ab Berlin Hauptbahnhof fährt die S7 nach Berlin Wannsee. Der Regionalexpress nach Dessau fährt über die Heilstätten.

Ab Potsdam fährt der Bus erst als 643 nach Beelitz und dann derselbe Bus als 645 über die Heilstätten.

Kann man die Beelitzer Heilstätten besichtigen?

Die Besichtigung von Lost Places ist nicht immer ungefährlich, und deswegen ist der Aufenthalt in den Gebäuden der Heilstätten nur im Rahmen von Führungen erlaubt. Hier geht es zu den aktuellen Besichtigungsmöglichkeiten.

Historische Fakten

Wann wurden die Beelitzer Heilstätten geschlossen?

Der Baubeginn geschah in mehreren Etappen – von klein zu groß. Für die größte Erweiterung wurde eine eigene Bauabteilung gegründet. Das war 1905. Schon 1923 gab es einen Aufnahmestopp aufgrund der Inflation, und die Heilstätten blieben fast ein Jahr lang geschlossen. Ab 1924 lief der Betrieb durchgängig bis zur Eroberung von Berlin durch die Rote Armee 1945. Während des Zweiten Weltkriegs waren die Bauten schwer beschädigt worden. Bis 1994 waren die Heilstätten Militärkrankenhaus der sowjetischen Armee. Danach verfielen Gebäude und Wohnungen – der Wald eroberte sie zurück. Seit 2015 wird die Anlage Stück für Stück saniert, die letzte Neuerung war (Stand 2021) die Verlängerung des Baumkronenpfades 2020. Inzwischen ist der Baumkronenpfad 800 Meter lang und verfügt über eine eingebaute Hängematte (70 Meter) sowie über eine Sky Boa für die kleinsten Besucher:innen.

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Julia Beatrice war früher Journalistin und schreibt heute auf Julias Journeyz über das Reisen. Außerdem gibt sie Tipps für einen minimalistischen Lebensstil. Sie ist ein Katzenmensch, fährt lieber ans Meer als in die Berge und liebt ihren Kaffee mit einem Löffel Zucker auf dem Milchschaum. Sie mag nicht, was alle mögen und hasst die Einschränkung von Freiräumen.

2 Kommentare

  1. Hi Julia, sehr interessanter Beitrag über die Beelitz Heilstätten. Das würde ich mir auch gerne mal anschauen, wenn ich demnächst mal wieder in Berlin (und Umgebung) bin. Als Gesundheitstouristikerin ist so was für mich total spannend. Danke für diesen Beitrag!

    Liebe Grüße
    Marina

    • Julia sagt

      Liebe Marina,

      danke für dein Feedback – und ich kann dir einen Besuch absolut ans Herz legen. An diesem Lost Place tauchst du richtig tief in die Geschichte ein. Ein faszinierender Ort, eingebettet in schöne Natur mit tollem Baumbestand.

      Liebe Grüße
      Julia

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