Beelitz-Heilstätten

Zuflucht vor der Lungenkrankheit – die Beelitz-Heilstätten vor 100 Jahren

[Werbung] Mein letzter Kurztrip vor dem Coronavirus-Lockdown waren die Beelitz-Heilstätten im Umland von Berlin. Im Dreimonatsrückblick ein haarsträubender Zufall, denn Beelitz ist eine von einst 60 Lungenheilstätten an der Schwelle des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Vor mehr als 100 Jahren grassierte hier ebenfalls eine verheerende Lungenkrankheit: die hoch-infektiöse Tuberkulose, gegen die kein Kraut gewachsen und kein Impfstoff erfunden war. Die Beelitz-Heilstätten sind ein Ort mit eigenem Straßenschild. Sie gehören zum Bundesland Brandenburg.

Als ich wieder zu Hause in Hannover war und mich in freiwilliger Quarantäne bewegte, fielen mir die zahlreichen Parallelen zwischen der jetzigen Corona-Situation und der Welt vor hundert Jahren auf: Wer in der 200 Hektar großen Heilstätte untergebracht war, den hielt man dazu an, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Der Schlüssel zur Heilung, das war die frische Luft. Ähnlich dem Roman Zauberberg von Thomas Mann pflegte man in Beelitz die Luftliegekur und verbrachte den lieben langen Tag auf Lufthygieneliegen, auch bei minus 10 Grad. Brrr – ja wirklich.

 

Das Ausstellungsstück einer alten Liege.

PIN IT! Frische Luft und den ganzen Tag liegen: Ein anderes Mittel gegen die Tuberkulose war noch nicht gefunden.

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6 bis 8 Stunden mit Wolldecke und Wärmflasche liegend, das Gesicht in Richtung Süden gewandt, da erscheint ein wenig Abwechslung durchaus willkommen und wenn es nur der Bettwäsche- und Kleidungswechsel ist. Wer den Zauberberg kennt – Weltliteratur gewordene Langeweile – der fühlt mit den Kranken und Kränklichen und gönnt ihnen Zerstreuung mit Wandelgang und Wandelhalle, Sommerschwimmbad und Kegelbahn. Alles auf Kosten der deutschen Sozialversicherung, versteht sich.

Corona entstand während der vierten industriellen Revolution, als die Welt im digitalen Wandel immer schneller routierte und die Menschen sich immer mehr um sich selbst drehten. Die Tuberkulose hatte ihre Wurzel in der ersten industriellen Revolution. Ihre Kennzeichen: Massenproduktion, Plattenbauten, Fließband und aufkommende Elektromobilität auch damals. Ein Patient mit noch infektiöser Tuberkulose wurde in den Beelitzer Heilstätten nicht aufgenommen, wie auch: Die Lungenkrankheit hätte sich in einer Anlage mit 1.200 Betten rasend schnell verbreitet.

Wer aufgenommen wurde, mit Zustimmung des Arbeitgebers, der konnte sich glücklich schätzen, denn auf dem Zauberberg Berlins, da gab es keinen Mangel. Kalorienreiches Essen und auch mal ein kleiner Cognac – die Heilstättenbewegung ließ sich nicht lumpen. Nicht nur 2 Corona-Kilos, nein, 7 Kilo Zunahme waren das Ziel, welches mit 5 Mahlzeiten eifrig verfolgt wurde. Gelegentlich ein Eierbier – Bier, rohes Ei, Portwein, Prise Zucker – ließen unschwer erkennen, wohin die Reise ging: Wiedererlangung der Gesundheit, aber gern auch Arbeitsfähigkeit. Die Fabriken im nahen Berlin standen nicht still.

 

Tisch im Speisesaal der Beelitzer Heilstätten

PIN IT! Wer in den Beelitzer Heilstätten untergebracht war, sollte in der Kur 7 Kilo zunehmen.

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Figurbewussten stand schon im 19. Jahrhundert ein Fitnessraum zur Verfügung. Oder man wanderte über das weitläufige Gelände, deren Bereiche streng nach Geschlechtern getrennt waren und mit einem Pflegeschlüssel 1:2 wachte das Personal mit Argusaugen. Geschlechtervermischung bringt Unruhe sagte man, doch wie immer werden Menschen kreativ, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Alte Briefe zeugen davon: „Ein Kurschatten war schwierig, aber nicht unmöglich“, hieß es darin. Ob die Verliebtheit nach einem Aufenthalt von 2 bis 6 Monaten anhielt oder man sich wieder trennte, ist nicht überliefert.

Der Ort war für eine Heilstätte gut gewählt, Nadelwald klärte die Luft und die Abgase der nahen Großstadt trieben mit der Windrichtung von West nach Ost gar nicht erst an Beelitz vorbei. Eine vorhandene Güterbahnstrecke brachte auch Personen. Das mit dem Zauberberg passt schon: Tatsächlich lagen die Gebäude auf hügeligem Gelände, in Norddeutschland gern gleich Alpen oder Schweiz genannt. In den Beelitzer Alpen findest du die verlassene Alte Chirurgie und das Alpenhaus und darfst dich im Rahmen regelmäßiger Führungen, die inzwischen wieder angeboten werden, umschauen.

Spannender Fakt: Der abandoned place (engl. = verlassener Ort) war damals eine sich selbst versorgende Stadt. Es gab eine Schweinezucht, Hühnerfarm, Gärtnerei und im Umland den heute noch beliebten Beelitzer Spargel, was will man mehr. Modernste Heizkraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplung waren für die wohlige Gemütlichkeit da, zumindest bis wieder Kneipp-Kur und Kaltwaschungen drohten. Mit kaltem Wasser abgespritzt genoss man später die Mahlzeiten umso mehr. Auf dem Speiseplan von 1908 standen Kohlrabi, Rindfleisch, Falscher Hase, grüne Bohnen und Hammelfleisch. Früher wie heute: Desinfektion war im Restaurant essenziell.

 

Alte Gardine weht im verlassenenBadesaal der Beelitzer Heilstätten.

PIN IT! Kneipp-Kur und Desinfektion: Der verlassene Waschsaal der Beelitzer Heilstätten in Brandenburg.

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In allen vier historischen Quadranten sind die Eigentümer dabei, die Beelitzer Heilstätten mit neuem Leben zu füllen. Pläne für Erweiterungen betreffen den Dachstuhl der Chirurgie mit ehemaliger Caféteria. Tagesaktuelle Zeiten für öffentliche Führungen sind den Tafeln auf dem Gelände und der Internetseite zu entnehmen. Die Führung durch das Alpenhaus kann ich sehr empfehlen, sie war überaus spannend und unterhaltsam gestaltet.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem
Tourismusverband Fläming e.V. und dem
Baumkronenpfad Baum und Zeit.

 

Verlassener Flur in den Beelitzer HeilstättenPIN IT!Anfahrt

Der faszinierende verlassene Heilstätten-Park mit dem Baumkronenpfad Baum & Zeit
Straße nach Fichtenwalde 13, 14547 Beelitz-Heilstätten, 033204/634723
info@baumundzeit.de

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