Tofino

Pazifischer Nordwesten // #12: Vancouver Island und Vancouver

Vancouver Island war eine der letzten Stationen unserer Reise in den Pazifischen Nordwesten. Die Insel ist riesig: Mit gut 31.000 km² hat Vancouver Island etwa die Größe von Belgien.

Ich hatte Nils damit beauftragt, herauszufinden, wo wird dort übernachten würden und er stieß auf eines von diesen Stormwatching-Hotels. Das Konzept des Stormwatching beinhaltet es, in der Zeit der großen Stürme im sicheren Refugium eines Hotels zu wohnen, das direkt in die Klippen der Strände des Pacific Rim Nationalparks hineingebaut wurde. Panoramafenster ermöglichen den nahezu unverstellten Blick auf das Naturschauspiel.

Da wir die Reise nur drei Wochen vor Abflug spontan planten, waren diese Residenzen schon belegt und wir landeten im Jamies Rainforest Inn am Ortseingang von Tofino. Tofino ist ein Ort, der gleichzeitig wunderschön und traurig ist. Ein Leserbrief in der Zeitung drückte es so aus: „This past week I visited Tofino for the first time in several years. It gives me cause for concern as I have in my lifetime witnessed the demise of such lovely places like Mykonos, Corfu, Cancun and Playa del Carmen as a result of being overdeveloped and over touristed. Paradise was lost. So far major retail and hotel chains have been out of the Tofino mix as well as major development projects. However the pressure will come to comprimise as the number of visitors increases. Tofino is a jewel and a prize destination. If it loses its appeal tourists will go elsewhere.“

Der Verfasser drückte damit einen Wandel aus, den viele versteckte Orte in den vergangenen 25 Jahren durch überbordenden Tourismus erfahren haben. Noch Anfang der neunziger Jahre war Tofino ein Fischerdorf – weit weg von bekannten Hotspots, und die Einwohnerzahl betrug 700. Bis 1959 war Tofino nicht einmal über eine Straße erreichbar. Die Geschichte von Siedlern in der gesamten Region des Clayoquot Sound zählt inzwischen 5000 Jahre. Menschen der First Nations, vom Stamm der der Tla-o-qui-aht, lebten dort auf nachhaltige Weise von dem, was das Land hergab.

Der erste Kontakt zwischen den First Nations und den Europäern ist für den 8. August 1774 verbrieft, als eine spanische Expedition 70 Kilometer nördlich, am Eingang des Nootka Sound, mit den Locals Handel betrieb. Kapitän Cook war derjenige, der die Geschichte der Westküste von British Columbia änderte. Auf der Suche nach der Nordwestpassage nach Indien und China traf er auf den Clayoquot Sound und eröffnete einen ersten „Goldrush“ in Form einer unerbittlichen Jagd nach Fischottern für die damals luxuriösesten Felle. In China konnten zu dieser Zeit damit Unsummen verdient werden, und so erlebte die Region das Schicksal von vielen ehemals ursprünglichen Landstrichen: Handel erblühte, und mit den Händlern kamen unbekannte Krankheiten.

Was Tofino heute für viele so attraktiv macht, ist seine Lage. Es ist ein Ort am Ende der Straße. Für normale Fortbewegungsmittel ist jenseits der Stege entlang der Main Street Schluss. Ab da gibt es nur noch Regenwald und Reservate, zahlreiche unbewohnte Inseln und die Weiten des Pazifiks. Wer von Tofino aus die nördlicheren Gebiete der First Nations erkunden will, braucht ein Boot oder ein Wasserflugzeug.

 

PIN IT! Ort am Ende der Straße: Tofino.

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PIN IT! Die Ice Oyster Bar ist die beste Adresse in Tofino, um Austern zu essen.

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Wir buchten beides: Einen Flug mit dem Wasserflugzeug und eine Tour mit dem Boot zur Bärenbeobachtung. Die Kosten waren extrem hoch, aber lohnenswert. Bären zu beobachten ist ein einmaliges Erlebnis. Wir starteten morgens um acht und fuhren durch die Browning Passage zu unbewohnten Ufern. Allein schon das Wasser, so dunkel und tief – und gleichzeitig eine samtweiche Oberfläche bildend – war es wert.

 

PIN IT! Das Fortbewegungsmittel schlechthin auf Vancouver Island: ein Wasserflugzeug.

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PIN IT! Das Wasser des Clayoquot Sound ist dunkel und tief und gleichzeitig bildet es eine samtweiche Oberfläche.

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Wie in Skandinavien reicht in Kanada der Waldrand bis zum Wasser. Wenn der Mond das Wasser zur Ebbe zurückzieht, legt er Flächen großer Steine unterhalb der Kiefernwälder frei. Das ist die Zeit der Bären, die gemächlich ans Ufer trotten und mit ihren riesigen Pranken jeden Stein einzeln umdrehen, um an darunter eingeklemmte Meeresfrüchte zu gelangen. Diese geballte Portion Eiweiß ist essenziell für die Pflanzenfresser, die Menschen nur gefährlich werden, wenn sie sich in ihrem Revier falsch verhalten. Wie friedlich der Charakter der Bären – und eigentlich der meisten Tierarten auf diesem Planeten – ist, davon wurden wir an diesem Morgen Zeuge.

Aufgrund unserer freien Sicht auf die gesamte Uferlinie sahen wir den Rivalen kommen. Der ursprünglich dort futternde Bär konnte ihn nicht sehen, witterte ihn nur – und trat sofort den Rückzug an. Einen Kampf, der für beide sehr schmerzhaft sein kann, wollte weder der eine noch der andere von ihnen.

Auf dem Rückweg sahen wir noch einen typischen amerikanischen Weißkopfseeadler in all seiner Schönheit majestätisch auf einem Baumwipfel thronend und auf dem späteren Flug mit dem Wasserflugzeug all die schönen Orte von oben, die wir in drei Tagen niemals erkunden können würden.

 

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Wir verbrachten einen Tag am Chesterman Beach und schauten uns die Sonnenuntergänge an den nördlicheren Stränden an.

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Danach brachen die letzten 3 vollen Tage unserer Reise an, die uns nach Vancouver führten. Vancouver – Drehort zahlreicher Filme, Kulisse amerikanischer Wolkenkratzer vor Bergpanoramen und Tor nach British Columbia. Regelmäßig wird Vancouver auf die Liste der lebenswertesten Städte gesetzt, Touristen kommen schwärmend zurück und sind beeindruckt von der Vielfältigkeit der Metropole.

 

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Unser 21-Tage-Trip in den Pazifischen Nordwesten sollte in Vancouver seinen Höhepunkt erreichen und – wie es oft auf Reisen ist – gen Ende ist man etwas müde und übersättigt von den bisherigen Eindrücken. Trotzdem kann ich dir einige Tipps zu Touren geben:

Zunächst einmal bietet sich eine Hop-On, Hop-off Tour der Vancouver Trolley Company als spaßige und gleichzeitig praktische Fortbewegungsmöglichkeit an. Starte möglichst früh und plane deinen letzten Einstieg sorgfältig, um nicht zu weit entfernt von deinem Hotel aussteigen zu müssen.

Gebucht werden kann entweder die City Route (Red Loop) oder die Park Route (Green Loop). Mit dem Dual Pass für 54 CAD kannst du beide Routen kombinieren. Überschneidungen bieten sich zum Beispiel an den False Creek Ferries (inkludiert) und am Canada Place. Eine Live Bus Map von Westcoastsightseeing stellt alle Stopps sowohl in Listen- als auch in Kartenansicht dar und gibt Auskunft, wo sich dein Bus gerade befindet. Beide Loops benötigen zwischen 1,5 und 2 Stunden. Die erste Tour der City Route startet um 8.50h, die letzte um 17.10h. Auf der Park Route lauten die Zeiten 8.40h und 17.25h. Besonders auf die letzten Startzeiten sollte man sich nicht verlassen, da die Fahrer Feierabend machen wollen und das die Touristen auch spüren lassen. Darüber hinaus werden sie mürrisch, wenn du erst im Bus eine Karte kaufen möchtest, du kannst also hier schon mal die Bezahlung abwickeln. Sehenswürdigkeiten im Umland von Vancouver lassen sich mit einem Trolley Ticket kombinieren, Trolley Plus Options beinhalten zum Beispiel eine Fahrt zur Capilano Suspension Bridge oder zum Grouse Mountain.

Wir wählten zunächst die Park Route, da wir zu einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Vancouvers gelangen wollten: dem 404,9 Hektar großen Stanley Park. Dort schafften wir die Stationen Rose Garden, Totem Poles und The Teahouse. Auf dem Weg zum Stanley Park von der West Hastings Street aus kann man in Richtung des Fjords Burrard Inlet das Hotel Westin Bayshore sehen. Dort verkroch sich Howard Hughes, US-Milliardär und Luftfahrtpionier, 1972 drei Monate lang auf der 20.Etage, der heutigen Howard Hughes Suite. Es scheint so, als wolle die Hotelkette die Erinnerung daran heute auswischen – zu viele Menschen haben sich wahrscheinlich bereits nach der von Leonardo DiCaprio und Martin Scorsese im Film Aviator porträtierten Legende erkundigt. Vermutlich möchten die Hotelinhaber einfach auch dem größten Wunsch nachkommen, den berühmte Hotelgäste unausgesprochen an die Unterkunft richten: Schweigen.

Nach dem Stopp im The Teahouse mit einer großen und günstigen Terrine Muscheln sprangen wir wieder auf den Bus auf. In Richtung Granville Island bietet sich ein Stopp am Sunset Beach an, da er nach Westen zeigt – traumhafte Sonnenuntergänge sind garantiert.

Granville Island ist eine kleine Halbinsel mit Kunsthandwerkermarkt und Restaurants, in denen es frische Pasta, Fisch und Meeresfrüchte gibt. Hier kommt es darauf an, wofür du dich interessierst – handgemachte Badeprodukte, Goldschmieden oder Picknick Food – für Menschen, die Selbstgemachtes lieben, ist Granville Island ein Paradies. Mein Nils und ich wollten ein wenig in den Art Galleries stöbern. Die beiden besten Galerien auf Granville Island sind meiner Meinung nach Studio 13 Fine Art und die Eagle Spirit Gallery. Inhaber Robert Scott betreibt sie seit 30 Jahren. Die von ihm ausgestellte Kunst ist handselektiert, sie fördert junge Talente unter den First Nations artists und beinhaltet auch Werke der Inuit.

Mitbringsel in Form von Postkarten und detaillierten Prints von Motiven aus Vancouver und Region gibt es bei Hilary Morris und ihrem Shop Beaver Pond. Hochwertigen Schmuck mit Edelsteinen erwirbst du bei Kristen Jones, Pernilla Ahrnstedt und Gisela Kuckertz, die gemeinsam das Aurum Argentum Studio betreiben und auch individuelle Stücke herstellen.

Vancouver bietet außerdem einige der außergewöhnlichsten architektonischen Werke unserer Zeit. Leider hatten wir nicht mehr die Zeit, eines davon zu besichtigen. Das Guildford Aquatic Centre ist so designt, dass man so lange keine Blicke durch die Fenster auf die Außenwelt erhaschen kann, bis man schwimmt.

Die Architektur-Website Dezeen.com stellt die Surrey City Centre Library des Architektenbüros Bing Thom in einem Beitrag mit eindrucksvollen Fotos vor. Dabei ist sofort erkennbar: Diese Bibliothek in der Nähe von Vancouver macht ein Statement! Der schiffsartige Bug aus Beton wird in seiner Dynamik und schwungvollen Eleganz durch gebogene, große Glasflächen unterstützt. Dabei erinnert er ein wenig an die Filiale „The Shard“ der britischen Birmingham Public Library mit ihrer ebenfalls prägnanten „Nase“.

Das Innere des Gebäudes wird dominiert von weißen Regalen, Flächen aus Naturholz bei den Sondermöbeln sowie einem terrakottafarbenen Teppich. Die kurvenreiche Linienführung der Außengestaltung setzt sich hier fort in der Gestaltung der Treppenaufgänge und Formensprache der verschiedenen Ebenen. Die Verfasser betonen als Besonderheit den starken Einbezug der Bevölkerung über die sozialen Medien bei dem bereits im Jahr 2011 fertiggestellten Gebäude und etikettieren es als „first public building in the world to be designed with the aid of social media.“

Vor dem Abflug von Seattle-Tacoma hatten wir noch Zeit, das Future of Flight Aviation Center am Boeing-Werk Everett zu besichtigen. Leider überzeugte uns die Ausstellung nicht. Wer trotzdem einen Stopp in Everett einlegen möchte, sollte diesen lieber so timen, dass er die Montagestrecke des Boeing 787 Dreamliners innerhalb des (vom Volumen her) größten Gebäudes der Welt sieht. Die gigantische Fertigungshalle kann während der Boeing Tours besichtigt werden – und zwar von 9h bis 15h, alle 30 Minuten. Die Voranmeldung wird empfohlen und funktioniert natürlich auch online.

Zur offiziellen Seite des Future of Flight Aviation Center & Boeing Tour geht es hier. Es ist täglich und ganzjährig geöffnet – außer an Thanksgiving und Christmas Eve, Christmas Day, New Year’s Eve und New Year’s Day.

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