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3 Tipps gegen Flugangst

Wir schreiben das Jahr 2009. Das Jahr, in dem ich meine Flugangst entwickelte. Das Flugzeug nähert sich Kairo, bis eine unerwartete Situation eintritt. Kurz vor der Landung zieht der Pilot die Maschine schnell wieder hoch und dreht eine Kurve wie in einer Achterbahn. Ich kann mich noch genau an meine Gedanken in dieser Situation erinnern. Mit meinen damals 31 Jahren war ich noch nicht viel geflogen – vielleicht 3 oder 4 Mal. Typische Vorkommnisse in der weltweiten Luftfahrt kannte ich nicht. Deswegen dachte ich: “Jetzt muss ich sterben.”

Ich weiß noch, dass ich den Gedanken sofort akzeptierte. Damit versuchte ich, es mir so einfach wie möglich zu machen. Aber genau mit dieser Haltung begann meine krasse Angst vor dem Fliegen.

 

3 tipps gegen flugangst

Wegen eines unerwarteten Zwischenfalls auf dem Flug nach Kairo entwickelte ich schlimme Flugangst. Hier über dem Balkan war noch alles in Ordnung: Wenige Stunden später änderte das sich leider.

 

Typische Symptome der Flugangst

Ein Jahr später. Im September 2010 steht für Nils und mich eine große 3-wöchige USA-Reise an. Der Start in Amsterdam klappt noch ganz gut. Auch der Langstreckenflug verläuft ohne viele Turbulenzen. Das Flugzeug nähert sich San Francisco. Für mich dauert das alles viel zu lange. Ich will, dass wir endlich landen. Damit ich 21 Tage lang erst einmal nicht ans Fliegen denken muss. Unruhe macht sich breit. Dann ist das Flugzeug fast unten, es fehlen nur noch weniger als 50 Meter – da wird die Landung abgebrochen und der Airbus steigt wieder steil nach oben.

Minutenlang erhalten wir keine Informationen. Minuten, in denen ich gleichzeitig erstarre, obwohl mein Herz rast und meine Atmung immer flacher wird. Ich fange an zu weinen. Panikattacken kannte ich bis dahin nicht und mache in dem Moment eine durch. Der Co-Pilot meldet sich und spricht von einem “nicht-normalen Verfahren”. Kurz danach korrigiert er sich – alles normal. Er macht die Sache irgendwie nicht besser.

Bis heute weiß ich nicht, was genau passiert ist. Blockierte ein anderes Flugzeug die Landebahn? Trotz intensiver Recherchen habe ich es nicht herausfinden können. Was ich hingegen genau weiß: Ab diesem Zeitpunkt hatte ich in den Jahren danach mit einer handfesten Aviophobie zu kämpfen. Phobien bezeichnen eine extreme Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen.

 

3 Tipps gegen flugangst

Nach dem zweiten Vorfall in San Francisco habe ich nicht nur Angst vor dem Fliegen sondern auch vor der Höhe. Hier stehe ich 2011 auf dem Empire State Building.

 

Angst bewältigen

Ein paar generelle Worte zum Thema Angst. Angst ist ein Grundgefühl und insofern bei vielen von uns sehr präsent. Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion. Sie schärft die Sinne und aktiviert die Körperkraft im Sinne eines von der Natur eingerichteten Schutz- und Überlebensmechanismus. Dieser leitet in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten ein (Fight-or-Flight).

Diese Aufgabe kann sie nur erfüllen, wenn weder zu viel ängstliches Gefühl das Handeln blockiert noch zu wenig Angst reale Gefahren und Risiken ausblendet. Der Energieaufwand für eine Flucht ist gering. Übersehene Bedrohungen können aber folgenschwere Auswirkungen nach sich ziehen. Deswegen ist die „Alarmanlage“ Angst von der Natur aus sehr empfindlich eingestellt. Ihren Umgang damit steuern Menschen entsprechend ihrer angeborenen Gefühlsstruktur. Dieses Spektrum an Verhaltensmustern lässt sich beeinflussen.

Im Umgang mit der Flugangst empfiehlt sich das Bewältigungsverhalten. Dabei bemüht man sich um ein realitätsgerechtes Maß an Angst. In Bezug auf das Fliegen bedeutet das: Konfrontation statt Vermeidung. Hierzu gebe ich dir wirksame Methoden an die Hand:

 

Tipp #1 Flugangst besiegen durch Fliegen

Zum Vielfliegen möchte ich mit diesem Artikel natürlich nicht beitragen. Schließlich tut die Corona-bedingte erhebliche Reduktion von Flugreisen dem Klima gut. Doch nach der Pandemie werden die Menschen wieder mehr reisen – sei es beruflich bedingt oder privat. Mein minimalistischer Ansatz ist: So wenig wie möglich fliegen. Zwar möchte ich in meinem Leben noch Orte entdecken, die ich nur auf der Langstrecke erreichen kann. Dabei setze ich aber auf das vernünftige Maß. Reisen innerhalb Europas bestreite ich weitestgehend auf dem Landweg. Wenn ich nach Island reisen möchte, funktioniert das natürlich nicht. Aber um zu den meisten Orten in Europa zu gelangen, ist Fliegen nicht notwendig. Mit dem Schiff, Auto, Fähren, zu Fuß und mit dem Fahrrad klappt’s auch.

 

3 Tipps gegen flugangst

Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals wieder angstfrei fliegen werde. Doch durch gute Methoden kam es zum Glück so – wie auf diesen Flügen nach London und Fuerteventura.

 

 

Fliegen unter künstlichen Bedingungen: Im Flugsimulator Angst abbauen

Ich habe meine Flugangst mittlerweile vollständig besiegt. Ein Meilenstein auf diesem Weg war der Flugsimulator. Das Geburtstagsgeschenk von Nils trat ich 2012 an: im Flugsimulator A320 bei Hannover.

Rund 20 km von Hannover entfernt befindet sich eines der größten Flugsimulator-Zentren Deutschlands. In dem Zentrum steht neben dem Airbus 320 Simulator noch ein Boeing 737 Simulator sowie ein Event-Simulator. Alle drei Simulatoren können derzeit im Rahmen einer virtuellen Tour besichtigt werden. Deutschlandweit einmalig ist eine 360°-Tower-Simulation, bei der mit 4 Beamern ein Flughafentower simuliert wird. Die Einrichtung im Tower stammt zum Teil aus dem Original Flughafen-Tower im Frankfurt. Es besteht eine Funkverbindung zu den Cockpitsimulatoren sowie ein Anschluss an das IVAO-Netzwerk. Dabei handelt es sich um die International Virtual Aviation Organisation, sie stellt eine Online-Plattform für Flugsimulationen zur Verfügung.

Eine Stunde im Simulator kostet 144 Euro. Nach einer theoretischen Einführung in die Aerodynamik lernst du das Cockpit und die Funktionen der wichtigsten Bedienelemente kennen. Dann kommst du zum Wesentlichen: Ein klassischer Flug wird simuliert. Und die Pilotin oder der Pilot bist DU.

 

Mein Flug im Simulator

Ich kann dir nicht mehr sagen, wohin ich flog oder wie lange. In meiner Erinnerung betätigte ich die Instrumente in der Boeing aber wirklich alle selbst. Bei der Landung schaffte ich es nicht, einen Hebel richtig zu bedienen und wir kamen etwas schief. Aber ich verursachte keinen Crash oder so etwas. Das Erlebnis hat mich und mein weiteres Leben wirklich nachhaltig beeinflusst. Die Leistung war ein Paradebeispiel für gut investiertes Geld. Außerdem machte der Tag Nils und mir total Spaß. Die Erfahrung im Simulator war ein Baustein auf meinem Weg zur Angstfreiheit. Ich würde sagen, der wichtigste in einer Kombination von Strategien.

 

Fliegen unter realen Bedingungen: Mindset kontrollieren

Gegen die Flugangst gibt es natürlich jede Menge Seminare. Sie können definitiv hilfreich sein. Aber es kommt auf den Anbieter an. Mein Flugangstseminar fand am Airport

3 Tipps gegen flugangst

“Ich habe Angst” wird zu “Es gibt doppelte Systeme”.

Hannover statt. Es war recht teuer, etwa 300 Euro für ein Wochenende. Inzwischen betreibt das Flight Center Hannover die Flugangst-Seminare am Airport Langenhagen-Kaltenweide. Die Inhalte u.a.

  • Flugzeugtechnik
  • was passiert vom Start bis zur Landung
  • was steckt hinter den unterschiedlichen Geräuschen
  • Wetterphänomene
  • was bedeuten Turbulenzen
  • Funktion und Entstehung der Angst
  • Flugangst
  • Therapie bzw. Hilfe bei Flugangst
  • Entspannungstraining
  • Kognitive Bewältigungsstrategien
  • mentales Training

 

Jede*r greift für sich selbst die relevanten Seminarinhalte heraus. Mir half es nach dem Training ganz besonders, die Geräusche einordnen zu können. Wegen meiner erhöhten Alarmbereitschaft auf Flügen hatte ich jedes Geräusch als potenzielle Gefahr bewertet. Nach dem Seminar wusste ich die Geräusche genau einzuordnen. Plötzlich hatte ich ein wenig mehr Kontrolle. Zwar saß ich unter den Passagieren. Vor meinem geistigen Auge verfolgte ich aber alles, was gerade vorn bei den Piloten geschah.

Auch das mentale Training stärkte mich. Mentales Training ist schwer und erfordert Disziplin. Denn Furcht kann nicht einfach ignoriert werden. Sie ist da, und sie verläuft in einer Art Erregungskurve. Das Prinzip ist einfach und gilt auch fürs Fallschirmspringen und ähnliches: Durchlebe die Angstkurve und du verlierst die Angst.

 

Tipp #2 Information schlägt Flugangst

Mich mit der Flugangst auseinanderzusetzen wurde für mich zu einem Faszinosum. Ich las mir eine Menge Wissen an. Beschäftigte mich auch mit Flugzeugabstürzen und was die Luftfahrt daraus lernte. Und in einem Jahrhundert nach der Eroberung der Lüfte wurde aus jeder Auswertung von Unfällen beständig gelernt. So viel, dass die Luftfahrt inzwischen als eines der sichersten Verkehrssysteme gilt und ein großes Vorbild für andere sicherheitsrelevante Bereiche – wie etwa die Medizin – ist.

 

Buchtipp

Einige meiner wertvollsten Informationen entnahm ich einem kleinen bescheidenen Buch. Es heißt Warum Sie oben bleiben. Flugingenieur Jürgen Heermann beschreibt darin in zwei Kapiteln und zwei Flügen bis ins kleinste Detail was alles passiert, damit du oben bleibst. Das Ganze ist außerdem trotz der Detailtreue noch ultraspannend und kostet 9,99 Euro. Der vielleicht wichtigste Satz darin:

“Versuchte man früher »nur« so sicher wie möglich zu bauen (safe life), so baut man heute nach dem Ausfallprinzip (fail safe). Fällt etwas Wichtiges aus, so ist die Übernahme durch andere Elemente konstruktiv sichergestellt.”

Hier geht es zu der “Bibel gegen Flugangst” auf der Onlinepräsenz von Flugingenieur Heermann mit vielen Einblicken ins Buch und weiteren aktuellen Infos rund um das Thema Luftfahrt.

 

3 Tipps gegen flugangst

Durch die Beschäftigung mit der Luftfahrt und durch “Plane spotting” wie hier auf Lanzarote (Bild unten) besiegte ich die Flugangst.

 

Tipp #3 Stressbewältigung vor dem Flug

Bei der Flugangst und ihrer Bewältigung geht es jedoch nicht nur um die technischen Aspekte des Fliegens. Das Wetter, die Pilotenausbildung oder die Angst an sich. Es geht vielmehr um den richtigen – oder eben falschen – Umgang mit Stress. Denn an Flugangst leiden vor allem engagierte und motivierte Menschen. Viele Geschäftsleute, Ingenieure, hoch qualifizierte Fachleute, die im internationalen Umfeld Verhandlungen führen und als Problemlöser agieren. Sie arbeiten nicht selten unter großem Problem- und Erfolgsdruck.

Körperliche Warnsignale werden übersehen. Bereits gestresst steigen diese Menschen ins Flugzeug. Du findest dich darin wieder und baust oft schon Wochen vorher Stress auf, bevor du dich auf den Weg zum Flughafen machst? Dann gebe ich dir Tipps, um dich mit dem Zusammenhang zwischen alltagsbedingten Stress und Flugangst zu beschäftigen.

Wenn du eine Reise gestresst antrittst, dann läufst du stärker als die anderen Reisenden Gefahr, Angstattacken zu erleiden. Und zwar unabhängig davon, wie oft du davor bereits vollkommen angstfrei geflogen bist. Deswegen empfehle ich dir, dich rechtzeitig vor dem Weg zum Flughafen deine Stressoren, also Auslöser von Stress, zu erkennen. Wenn sie identifiziert werden, bildet ein neuer Umgang mit sich selbst flugängstlichen Reisenden die wichtigste Grundlage für qualifizierte Hilfe.

 

Ein paar Worte zu Alkohol, Medikamenten & Co

Als ich im Flugangstseminar saß, fiel irgendwann die Frage, ob es Medikamente gibt. Die Antwort des Seminarleiters war sehr klar. Er sagte, dass Ärzte angstlösende Mittel verschreiben können. Dazu zählen zum Beispiel sogenannte Benzodiazepine, umgangssprachliche Benzos. Sie wirken angstlösend, beruhigend, muskelentspannend und schlaffördernd. Du denkst, das klingt schön? Ein wenig Schlaf über den Wolken wäre die optimale Lösung? Falsch! Denn die angstlösenden Mittel bergen die Gefahr der Abhängigkeit. Und das bereits in kleinen Mengen, innerhalb kurzer Zeit. “Und dann”, sagte der Seminarleiter wortwörtlich zu der Teilnehmerin, “ist ein Alkoholentzug ein Dreck dagegen.”

Ich denke, er drückte seine Antwort deswegen so krass aus, weil eben andere Lösungen für das Problem gefunden werden müssen. Nichtsdestotrotz gebe ich offen zu, dass ich durchaus mal einen Wein bestelle, wenn der Start abgeschlossen ist. Die entspannte Stimmung und das Senken des Stresspegels helfen mir ein wenig. Es ist sicher kein Fehler, ein Flugangstseminar von Zeit zu Zeit zu wiederholen.

 

Fazit

Jeder Dritte sitzt mit einem mulmigen Gefühl im Flugzeug. Zu ihrer Bekämpfung stehen die evolutionsbiologischen Möglichkeiten Fight-or-Flight zur Verfügung (Kampf oder Flucht). Die Flucht ist dabei die schlechtere Wahl. Nicht zu fliegen kann das Leben stark einschränken. Ängste durch Flucht nicht zu bewältigen, ist ebenfalls keine gute Idee. Besser ist, sich seinen Ängsten zu stellen.

 

MATTIS: Und dann hütest du dich davor, dich im Wald zu verirren.
RONJA: Was tue ich, wenn ich mich im Wald verirre?
MATTIS: Suchst du dir den richtigen Pfad:
RONJA: Na dann.
— Dialog aus Astrid Lindgrens “Ronja Räubertochter”, bevor Ronja allein in den Wald zieht.

 

Und das wirksamste Mittel gegen Flugangst ist fliegen. Zuerst nur im Simulator, aber schließlich in einem echten Flugzeug. Das neu gewonnene Wissen bekämpft die Angst: Informiere dich daher vor dem Flug über die Sicherheit von Flugreisen und die Routinen an Bord. Besonders wichtig ist auch, die Entstehung der Angst zu verhindern. Entspannungsmethoden und Stressvermeidung vor der Reise helfen dir dabei.

 

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

 

Welche Erfahrungen hast du mit der Flugangst gesammelt? Teile sie gern mit mir und anderen in den Kommentaren.

Contributed picture by Randy Fath on Unsplash

Kategorie: ♡ Reisen, Travel Hacks

von

Julia Beatrice war früher Journalistin und schreibt heute auf Julias Journeyz über das Reisen. Außerdem gibt sie Tipps für einen minimalistischen Lebensstil. Sie ist ein Katzenmensch, fährt lieber ans Meer als in die Berge und liebt ihren Kaffee mit einem Löffel Zucker auf dem Milchschaum. Sie mag nicht, was alle mögen und hasst die Einschränkung von Freiräumen.

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